Rote Zora

Mein Soundtrack auf der Piste

Der Wecker fiept gnadenlos – schon zum dritten Mal. Widerwillig schäle ich mich aus meiner Decke. Es ist kurz nach sieben, draußen dämmert es. Auf dem Weg ins Bad merke ich wie mein Schädel hämmert. Seit Tagen kämpfe ich gegen eine Erkältung an, keine leichte Aufgabe bei all den Triefnasen in meiner Umgebung. „Komm, jetzt sei nicht so ein Weichei!“, ermahne ich mich selbst und beschließe in meine Laufsachen zu schlüpfen.
Während ich mich verschlafen im Spiegel betrachte kommt mir ein Lied in den Sinn: „I don’t feel like dancing“ („Mir ist nicht nach Tanzen“) von den Scissor Sisters, das die Radiostationen seit Wochen rauf und runter spielen. Das Lied funktioniert genauso gut mit Laufen: „I don’t feel like running“. Doch plötzlich wird mir der Widerspruch im Lied bewusst: Der Rhythmus animiert einen geradezu zum Tanzen. Ein bisschen beschämt schnüre ich meine Laufschuhe und finde das Lied nun noch viel passender. Eigentlich will ich ja loslaufen. Ich stelle mich nur an. Die ersten Meter durch den Hassler Forst verlaufen schleppend. Mir ist kalt, der Nieselregen setzt sich in jede Faser meiner Laufsachen und die Beine wollen auch nicht so richtig. „I don’t feel like running“ summe ich gedanklich wieder vor mich hin und schon scheint es etwas besser zu laufen. Halbzeit.
Langsam kann ich mein Tempo steigern, die Muskeln sind warm geworden und der Regen macht mir nicht mehr so viel aus. Bei Minute 40 bin ich so beflügelt und lege gleich noch ein bisschen an Tempo zu. Ich scheine jetzt fast über den Waldboden zu schweben. Doch mit einem energischen Piepsen bringt mich meine Pulsuhr wieder auf den Boden der Tatsachen. Ich bin zu schnell gelaufen, raus aus dem Herzfrequenzbereich. Ich trabe also wieder langsamer und komme zu dem Schluss, dass es gar kein „Runners High“ war, sondern einfach nur die Vorfreude auf die warme, trockene Wohnung, eine heiße Dusche und Frühstück. Die Vorfreude hält bis zu Hause an. Mit dem Lied auf den Lippen schmeiße ich meinen Freund aus dem Bett, stelle den Kaffee an und springe unter die Dusche. „I don’t feel like running“ – das wird mein neuer Hit. Und nun Frühstück!
BIRTHE ROSENAU
erschienen in der Rheinischen-Post, Ausgabe Düsseldorf, Freitag, 8. Dezember 2006.

8.12.06 08:20

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