Rote Zora

Auch Läufer gehen mal fremd...

Mein Marathontraining und ich wir sind wie ein altes Ehepaar. Manchmal verbringen wir viel zu viel Zeit miteinander. Dann wieder bin ich kurz davor, es links liegen zu lassen. „Such dir doch jemand anderen“, will ich dann schreien. Soll’s doch sehen, ob es Eine wie mich noch mal findet. Ständig sage ich Verabredungen zum Volleyball oder Badminton ab - nur wegen ihm. Manchmal habe ich es echt satt.
Neulich bin ich fremdgegangen. Ich war Skifahren. Eine Woche, jeden Tag. Dem Lauftraining habe ich vorgegaukelt, es wäre weiter die Nummer Eins, legte Laufdress und Schuhe in den Koffer. Doch mit meinen Gedanken war ich längst raus aus dem alten Trott. Anfangs habe ich’s wirklich genossen – von Schuldgefühlen keine Rede.
Doch dann kamen die Gewissensbisse. Kann man eine so treue Seele einfach hängen lassen? Ich erfand ständig neue Ausreden um mich und das Training zu beruhigen. Morgen, ja morgen – aber dann landete ich doch auf den Skiern. Oder auf einem Snowboard. Wenn man einmal fremdgegangen ist, dann kommt es auch nicht mehr drauf an.
Fremdgehen gehört sich nicht. Ich bin nicht der Typ dafür. Nach einer Woche war Schluss mit Abenteuer. Mein Lauftraining und ich, wir versuchen es noch mal miteinander. Mit Blessuren von Skiern und Snowboard gestraft, reumütig, weil ich es so vernachlässigt habe, gelobe ich Besserung. Mein Herz gehört von jetzt an ganz ihm. Absolute Treue. Zumindest bis zum Marathon im Mai – dann sehen wir weiter...
BIRTHE ROSENAU
erschienen in der Rheinischen-Post, Ausgabe Düsseldorf, Samstag, 13. Januar 2007.

14.1.07 19:57

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