Rote Zora

Marathon

Kiloweise schlechte Laune

Letzte Woche habe ich Knut gefeiert. Platz schaffen nach Vorbild des schwedischen Möbelhauses. Gestört hat mich nicht der Weihnachtsbaum – der macht sich gut in seiner Ecke. Aber die Waage! Die nimmt unnötig Platz weg. Also raus mit dem Ding! Wann sonst kann man schon schlechte Laune einfach aus dem Fenster schmeißen?
Sie ist selbst schuld. Hämisch hat sie mich jeden Morgen angegrinst: „Na du fette Sau? Du willst eine Marathonläuferin werden? Ich habe noch nie dicke Marathonläufer gesehen, du etwa?“ Nein, dicke Läufer gibt es nicht. Klingt auch einleuchtend: Laufen verbrennt Kalorien und das macht schlank. Wer leicht ist kann schneller laufen und wer schneller läuft, der verbrennt auch mehr Kalorien.
Alles Quatsch! So funktioniert das nicht. Zumindest nicht bei mir. Weil ich zu schwer bin, bin ich langsam und verbrenne weniger Kalorien. Dass ich langsam bin, frustriert mich. Gegen Frust hilft Schokolade. Schokolade macht dick. Dicke Läufer laufen langsamer... Ein Teufelskreis! Und dieses Miststück von Waage erinnert mich Morgen für Morgen daran. Naja, irgendwie ist das ja auch ihre Aufgabe...
Allerdings zweifle ich an ihrer Kompetenz. Oder soll ich ernsthaft glauben, Sport mache dick, ein Abend im Kino mit Popcorn hingegen schlank?! Sie will mich für dumm verkaufen. Oder ist sie einfach nur launisch? Typisch Frau! Irgendwie reizvoll – unberechenbar und spannend. Schließlich kann man(n) nie wissen, was der nächste Morgen bringt.
Ich hab’ sie wieder reingeholt. Gute Freundinnen zicken sich schon mal an. Aber wenn’s hart auf hart kommt, dann wird sie schon die richtigen Worte...äh Zahlen.. finden. Und wenn nicht: Nächstes Jahr ist wieder Knut!
BIRTHE ROSENAU

30.1.07 11:47, kommentieren

Das komische Ding

Da kommt mir doch neulich auf meiner morgendlichen Runde eine ganze Horde dieser Möchtegern-Sportler entgegen. Solche, die zwei Stöcke benötigen, um überhaupt eine Runde um den Unterbacher See zu schaffen. Ich habe nichts gegen Nordic Walker – leben und leben lassen. Aber wenn, dann gilt das schon für beide Seiten. „Aaaaaahhhhh, guck mal Irmchen, die hat da auch so’n komisches Ding“, stößt eine der Damen im Jogginganzug hervor. Mit „komisches Ding“ meint sie den Brustgurt von meiner Pulsuhr. Ein nützliches Ding. Er weiß immer genau, wie es meiner Pumpe geht. Und das gibt er an die Uhr weiter. Auf ihrem Display sehe ich dann, ob meine Geschwindigkeit in Ordnung ist. Die Uhr ist so etwas wie mein persönlicher Trainer. Nach drei Tagen ohne Training ruft sie mich per Signal zur Ordnung. Als Motivation zählt sie dafür auch geduldig meine verbrauchten Kalorien. Allerdings zeigt sie die nicht in Tafeln Schokolade oder Tüten Chips an. Das würde sie irgendwie sympathischer machen. „Dat scheint jetzt irgendwie in Mode zu sein“, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Irmchens Begleiterin spricht wieder. Gleichzeitig bohrt sich einer ihrer Stöcke regelrecht in meine Brust. Zumindest fühlt es sich so an. Wenigstens zeigt sie nicht mit nacktem Finger auf mich. Ihr Stock ist angezogen – er trägt heute Gummischuh. Damit er nicht abrutscht. Aber ich komme vom Thema ab. Hier geht es um meine Pulsuhr und auf die lasse ich nichts kommen. Ich habe schon eine Erwiderung auf der Zunge, zu gerne hätte ich den Damen Walkerinnen den tieferen Sinn meines „komischen Dings“ erklärt. Aber dann halte ich doch die Klappe. Tue so, als hätte ich nichts gehört und trabe betont locker an den Damen vorbei. Bloß nicht den Puls unnötig in die Höhe treiben. Doch plötzlich: „Piep, piep, piep...“ Verstohlen drücke ich auf den „Aus“-Knopf. Verräterin! Was fällt meiner Uhr bloß ein, mich so zu blamieren... und dann noch vor Walkern!

1 Kommentar 30.1.07 11:46, kommentieren

Auch Läufer gehen mal fremd...

Mein Marathontraining und ich wir sind wie ein altes Ehepaar. Manchmal verbringen wir viel zu viel Zeit miteinander. Dann wieder bin ich kurz davor, es links liegen zu lassen. „Such dir doch jemand anderen“, will ich dann schreien. Soll’s doch sehen, ob es Eine wie mich noch mal findet. Ständig sage ich Verabredungen zum Volleyball oder Badminton ab - nur wegen ihm. Manchmal habe ich es echt satt.
Neulich bin ich fremdgegangen. Ich war Skifahren. Eine Woche, jeden Tag. Dem Lauftraining habe ich vorgegaukelt, es wäre weiter die Nummer Eins, legte Laufdress und Schuhe in den Koffer. Doch mit meinen Gedanken war ich längst raus aus dem alten Trott. Anfangs habe ich’s wirklich genossen – von Schuldgefühlen keine Rede.
Doch dann kamen die Gewissensbisse. Kann man eine so treue Seele einfach hängen lassen? Ich erfand ständig neue Ausreden um mich und das Training zu beruhigen. Morgen, ja morgen – aber dann landete ich doch auf den Skiern. Oder auf einem Snowboard. Wenn man einmal fremdgegangen ist, dann kommt es auch nicht mehr drauf an.
Fremdgehen gehört sich nicht. Ich bin nicht der Typ dafür. Nach einer Woche war Schluss mit Abenteuer. Mein Lauftraining und ich, wir versuchen es noch mal miteinander. Mit Blessuren von Skiern und Snowboard gestraft, reumütig, weil ich es so vernachlässigt habe, gelobe ich Besserung. Mein Herz gehört von jetzt an ganz ihm. Absolute Treue. Zumindest bis zum Marathon im Mai – dann sehen wir weiter...
BIRTHE ROSENAU
erschienen in der Rheinischen-Post, Ausgabe Düsseldorf, Samstag, 13. Januar 2007.

1 Kommentar 14.1.07 19:57, kommentieren

Kuscheln auf der Piste

Marathon-Läufer sind einsam. Ganz einsam. Zumindest beim Training, dann, wenn es stürmt, hagelt, schneit, regnet und der Wind einem gnadenlos um die Ohren pfeift. Dazu noch die persönlichen Vorlieben: Der eine schlüpft morgens um sechs in die Schuhe, der andere muss sich abends nach der Arbeit noch auf die Socken machen. Und das immer alleine. Meistens jedenfalls. Wir Marathoni sind Einzelgänger, einsame Wölfe (und Wölfinnen). Herdentrieb, das gibt's nur an den besonderen Tagen wenn ein Wettkampf ansteht. Oder wenn die langen Ausdauerläufe am Wochenende warten, die gerade im Winter bitter notwendig sind. Am Wochenende rotten sich die Läufer zusammen, an einer der Rheinbrücken, an Parkplätzen, am Grafenberger Wald, im Süden Hassels. Drei Stunden auf der Piste: Diese halbe Ewigkeit ganz alleine mit Atem und Schweiß zu verbringen, ist viel zu öde. Jeder läuft allein, aber doch hat das Laufen bei Minusgraden etwas kuscheliges. Meckern übers Mitstwetter will man eben nicht ohne jemanden, der sich das anhören muss. Oder die neuen Laufschuhe. War rot eine gute Farbe? Gut, wenn's die Mitläufer bestätigen. Und sollten sie doch blau besser finden, kann man darüber streiten. In den drei Stunden. Zeit haben wir ja.
BIRTHE ROSENAU
erschienen in der Rheinischen-Post, Ausgabe Düsseldorf, Samstag, 16. Dezember 2006.

22.12.06 08:31, kommentieren

Mein Soundtrack auf der Piste

Der Wecker fiept gnadenlos – schon zum dritten Mal. Widerwillig schäle ich mich aus meiner Decke. Es ist kurz nach sieben, draußen dämmert es. Auf dem Weg ins Bad merke ich wie mein Schädel hämmert. Seit Tagen kämpfe ich gegen eine Erkältung an, keine leichte Aufgabe bei all den Triefnasen in meiner Umgebung. „Komm, jetzt sei nicht so ein Weichei!“, ermahne ich mich selbst und beschließe in meine Laufsachen zu schlüpfen.
Während ich mich verschlafen im Spiegel betrachte kommt mir ein Lied in den Sinn: „I don’t feel like dancing“ („Mir ist nicht nach Tanzen“) von den Scissor Sisters, das die Radiostationen seit Wochen rauf und runter spielen. Das Lied funktioniert genauso gut mit Laufen: „I don’t feel like running“. Doch plötzlich wird mir der Widerspruch im Lied bewusst: Der Rhythmus animiert einen geradezu zum Tanzen. Ein bisschen beschämt schnüre ich meine Laufschuhe und finde das Lied nun noch viel passender. Eigentlich will ich ja loslaufen. Ich stelle mich nur an. Die ersten Meter durch den Hassler Forst verlaufen schleppend. Mir ist kalt, der Nieselregen setzt sich in jede Faser meiner Laufsachen und die Beine wollen auch nicht so richtig. „I don’t feel like running“ summe ich gedanklich wieder vor mich hin und schon scheint es etwas besser zu laufen. Halbzeit.
Langsam kann ich mein Tempo steigern, die Muskeln sind warm geworden und der Regen macht mir nicht mehr so viel aus. Bei Minute 40 bin ich so beflügelt und lege gleich noch ein bisschen an Tempo zu. Ich scheine jetzt fast über den Waldboden zu schweben. Doch mit einem energischen Piepsen bringt mich meine Pulsuhr wieder auf den Boden der Tatsachen. Ich bin zu schnell gelaufen, raus aus dem Herzfrequenzbereich. Ich trabe also wieder langsamer und komme zu dem Schluss, dass es gar kein „Runners High“ war, sondern einfach nur die Vorfreude auf die warme, trockene Wohnung, eine heiße Dusche und Frühstück. Die Vorfreude hält bis zu Hause an. Mit dem Lied auf den Lippen schmeiße ich meinen Freund aus dem Bett, stelle den Kaffee an und springe unter die Dusche. „I don’t feel like running“ – das wird mein neuer Hit. Und nun Frühstück!
BIRTHE ROSENAU
erschienen in der Rheinischen-Post, Ausgabe Düsseldorf, Freitag, 8. Dezember 2006.

8.12.06 08:20, kommentieren