Rote Zora

some of u might know, that i'm a freelancer for a local newspaper back home in germany... if u like to have a taste of my writings this page is the perfect opportunity. i really want to apologize to my non-german friends for that the articles are - of course - again in german. sorry guys! but perhaps u find someone to translate? okay, that doesn't help that much.

first there are two articles in which i reported home about my life in scotland as a kind of a diary:


Lernen, Reiten, Party – Eine ganz normale Woche in Stirling



Von BIRTHE ROSENAU


Seit zweieinhalb Monaten lebe und studiere ich nun schon im schottischen Stirling und natürlich hat sich langsam der Alltag eingeschlichen. Meine typische Woche beginnt mit einem sehr anstrengenden Montag, an dem ich gleich drei Seminare habe. Das erste beginnt allerdings erst um elf, so kann ich zumindest ausschlafen. In dem Film and Media Workshop analysieren wir in kleinen Gruppen Filmausschnitte, was des öfteren hinterher mit einer Verabredung zum Videoabend endet, weil man unbedingt den kompletten Film sehen möchte. Das Englisch-Seminar direkt im Anschluss läuft dann etwas trockener ab und ganz anstrengend wird es im Geschichtskurs, der zu allem Überfluss auch noch spätabends liegt. Allgemein sind hier die Seminargruppen sehr viel kleiner, als an meiner Kölner Uni, was natürlich auch bedeutet, dass man immer gut vorbereitet sein muss. Bei durchschnittlich acht bis zehn Teilnehmern kann man sich eben nicht verstecken.
Dienstags ist dann alles schon viel gelassener, die zwei Vorlesungen sind kurzweilig und der Rest des Tages ist frei. Abends gibt es dann im Studentenclub das Party-Highlight der Woche, die „Alter Ego-Party“ zu der – für schottische Verhältnisse – eher alternative Leute gehen. Die aufgestylten Mädels in viel zu kurzen Röcken bleiben dann zu Hause und die Jungs tauschen ihre feinen Stoffhosen gegen Jeans ein.
Die Ponies in meiner Reitstunde am Mittwoch sind alle ungefähr so groß, dass sie bei dem Pferd, was ich in Deutschland reite, unter dem Bauch herkrabbeln könnten. Trotzdem macht es jedesmal sehr viel Spaß. Spätestens am Freitag ist dann mein Kühlschrank leer und ich muss mich auf den Weg in die Stadt machen, um im Tesco, dem gröβten und wohl auch billigsten Supermarkt in der Gegend, einzukaufen. Schwerbepackt mit Tüten wird dann der Rückweg mit Bus und später zu Fuß zum sportlichen Ereignis. Das Wochenende verbringe ich meist mit meiner „Ersatzfamilie“, sprich meinen Mitbewohnern. Wir schauen fern, gehen ins Kino, ins Schwimmbad oder auch mal auf eine Party. Und wenn das Geld reicht, dann machen wir uns auf zu einem kleinen Ausflug.



BBQ international



Von BIRTHE ROSENAU


Kritisch werden die Pakete mit den Würstchen beäugt, die ich von meinem letzten Besuch aus Deutschland mitgebracht habe. „Was ist denn da drin?“, fragt meine schottische Mitbewohnerin beim Anblick der roten Krakauer leicht angewiedert. Und Engländer Iain hat sich vorsichtshalber direkt seine eigenen Burger mitgebracht, die er nun auf den Grill legt. Wir sind eine lustige Runde aus Österreichern, Amerikanern, Engländern, Schotten, Iren, Chinesen und natürlich vielen Deutschen, die beschlossen haben, nun endlich mal ein gemeinsames BBQ zu machen. Während der „Pasta-Salad“ (Nudelsalat), den ich in einer gigantisch grossen Schüssel bereitgestellt habe, viel Anklang findet, bleiben meine internationalen Freunde was das Fleisch angeht, lieber erstmal beim altbewährten. Doch natürlich will mich niemand kränken und so wird höflich probiert – und siehe da – bald darauf auch immer wieder nachgenommen. „Die schmecken fantastisch“, verkündet einer nach dem anderen.
Obwohl das schottische Stirling mit seinen knapp 30 000 Einwohner wohl eher als eine Kleinstadt zu bezeichnen ist, so fühle ich mich hier doch wie am Nabel der Welt. In meiner WG finden des öfteren chinesische Kochgelage statt, wenn Mitbewohner Calvin wieder alle zusammengetrommelt hat. Auch meine deutschen Freunde sind oft zu Gast, wir sind allerdings mittlerweile fast ausschliesslich dazu übergegangen, englisch zu sprechen, damit jeder eine Chance hat, uns zu verstehen. Im „Glow“, dem Uni-Club, tanzen Spanier, Griechen, Italiener, Tschechen, Polen, Franzosen und viele Menschen mit anderen Nationalitäten miteinander. Man kann sich immer unterhalten, denn Englisch ist die Sprache, die uns alle verbindet, quasi unsere lingua franca. Selten trifft man so viele Nationalitäten auf einem Haufen, selten ist es so einfach, mit Menschen aus anderen Ländern Kontakte zu knüpfen. Stirling ist einfach eine tolle multikulturelle Erfahrung und wer offen ist, der kann hier viel über die jeweils fremden Kulturen lernen und jede Menge neue Freunde treffen.


Nach dem Abschied ins Ungewisse



Von BIRTHE ROSENAU

Schon seit Tagen herrscht in Stirling eifriges Kistenpacken und Verabschieden. Sobald die letzte Klausur geschrieben ist, zieht es viele Studenten nach Hause, der Campus ist gespenstisch leer geworden. Auch meine letzte Klausur liegt nun schon fast eine Woche zurück. Drei Stunden lang habe ich mich mit Filmanalyse beschäftigt, auch wenn ich immer noch nicht weiss, aus welchem Film denn nun letzlich der gezeigte Ausschnitt war.
Nach der Klausur bin ich zuerst in ein ziemliches Loch gefallen, zumal ich fast jeden Tag von mindestens einem lieben Menschen Abschied nehmen musste. Bei einigen weiss ich nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde. Wann kommt man schon nach Hongkong oder Alaska? Aber laut Sprichwort sieht man sich ja immer zweimal im Leben und dann sicher an einem ganz unmöglichen Ort. Zwar habe ich massenweise E-Mail-Adressen und Einladungen zu Trips an Orte die quer über den Erdball verteilt liegen. Aber so wie es die letzten Monate war, das so intensive Zusammenleben mit so vielen unterschiedlichen Menschen, das ist nicht wiederholbar.
Nachdem ich dann auch die letzten Leute in Stirling verabschiedet habe, geht es für mich auf eine Tour ins Ungewisse. Natürlich habe ich eine grobe Routenplanung für meine zweiwöchige Schottland-Reise gemacht, aber letzlich halte ich mir auch offen, da zu bleiben, wo es mir gefällt.
Zunächst werde ich mir meine Wanderschuhe und meinen Rucksack anschnallen und den Spuren von Rob Roy von Drymen nach Pitlorchy folgen. Von Pitlorchy aus will ich dann mit dem Zug nach Inverness und dort ein Fahrrad mieten.
Alle haben mir versichert, dass die Westküste der Highlands zu den schönsten Landstrichen Schottlands gehört. Wir werden sehen: Schafe, Meer, Wiesen, Hügel und Birthe und ihr Drahtesel mittendrin. Im Moment halten sich Vorfreude und Angst vor der Einsamkeit die Waage. Noch nie war ich ganz alleine im Urlaub, geschweige denn wandern oder radwandern. Ob ich es wohl mit mir alleine aushalten werde?

**************************************************

the following articles are taken from the website Begegnen-Erinnern-Berichten , a project i took part in four years ago. please visit the side to learn more about the project!


Geschichtsunterricht - Mehr als Lenin und Stalin



Michalina Pietrzyk ist Schlesierin. Geschichte zählt zu ihren Lieblingsfächern. Wenn ihre Eltern von ihrer zurückliegenden Schulzeit erzählen, dann kann Michalina nur schwer verstehen, was damals noch in allen Klassen gelehrt wurde. Das Bild vom guten Russen, der nach dem zweiten Weltkrieg die Polen von den schrecklichen Deutschen befreit hat, war damals die Wahrheit der Geschichtsschreiber. Das kommunistische System wurde angepriesen. Mittlerweile ist das grundlegend anders. Die 18-Jährige, die in diesem Jahr ihr Abitur macht, lernt heute andere Dinge.

Lenin und Stalin sind aus den Geschichtsbüchern verschwunden. Stattdessen erhalten junge Polen ein umfassendes Bild, das weitaus mehr beinhaltet als die Geschichte der ehemaligen Ostblockländer. Zehn Jahre Demokratie hinterlassen erste Spuren: Die französische Revolution wird genauso im Unterricht behandelt wie der Vietnam-Krieg und die englische Industrierevolution. Zentrales Thema ist und bleibt aber das NS-Regime. „Wir sprechen darüber, als abschreckendes Beispiel und als Mahnung, dass so etwas nie wieder passieren darf“, erzählt Michalina. Wut empfindet sie Hitler gegenüber noch genauso sehr wie ihre Eltern damals im Geschichtsunterricht. Doch die Polen des 21. Jahrhunderts lernen auch wieder einen normalen Umgang mit den deutschen Nachbarn. Kommunikation und internationale Verständigung erhalten einen neuen Wert. „Schließlich kann ich nicht ganz Deutschland die Schuld für den Holocaust geben“, meint Michalina.

Und so spielt der Geschichtsunterricht im polnischen Schulleben mittlerweile eine wichtige Rolle. Michalina und ihre Mitschüler haben die wichtigsten Eckdaten der Welthistorie im Kopf und sind darin oft fitter als ihre deutschen Altersgenossen. Ihnen würde es sicherlich nicht passieren, dass sie - gefragt nach dem Warschauer Aufstand - nur mit einem müden Schulterzucken antworten.

Theresa Demski und Birthe Rosenau


Eiertanz um nationale Identität



Geschichte prägt. Dies wird besonders deutlich, wenn es um die Nationale Identität der Deutschen geht. Bei kaum einer Diskussion gelangt man so schnell auf das Glatteis, über kaum ein Thema wird so gerne geschwiegen. Und dennoch ist diese Diskussion unumgänglich, muss geführt und ausgefochten werden, um mit Selbstbewusstsein und eigener Identität in einer europäischen Gemeinschaft leben zu können.

Die Bilder fahnenschwenkender Menschen und andächtig singender Massen haben sich in unseren Köpfen verankert und haben nach 1945 eine ganz neue Bedeutung erhalten. Zu schwer lastet die grauenvolle Geschichte auf unserem Land. Während fast jeder Amerikaner mit stolz geschwellter Brust seine Hymne singt, führen die Deutschen einen Eiertanz um ihre nationale Identität auf. Aus gutem Grund, denn Hitler und der Holocaust haben uns die Berechtigung zum unbeschwerten Ausleben unserer nationalen Identität genommen. Haben wir sie dadurch tatsächlich verloren? Das sicher nicht. Nur im Stadion, wenn die Nationalelf aufläuft, schwenken wir Fahnen, singen wir die Hymne. Und dann wird klar, dass tief in der deutschen Bevölkerung das Bewusstsein fürs eigene Land noch verankert ist. Wir verspüren sie also noch, müssen aber damit verantwortungsvoll umgehen.

Wenn Jugendliche über dieses Thema ins Gespräch kommen, sind sie sich durchaus darüber bewusst, dass das nicht ohne Sensibilität möglich ist. Im Rahmen unseres Projekts kam es zum kritischen Gedankenaustausch zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen.

„Ich bin froh in Deutschland zu leben. Meine Wurzeln liegen hier und die Demokratie in diesem Land geben mir ein sicheres Gefühl.“ (Silke)

Wie schnell verwischt aber die Grenze zwischen dem Gefühl der Zufriedenheit in einem Land und übersteigertem Nationalismus?

„Man darf Stolz und Hochmut nicht verwechseln. Dies passiert oft unbewusst. Nur zu schnell wird der Begriff ,Stolz’ als negativ abgestempelt.“ (Peter)

Tatsächlich scheinen die Deutschen ein Problem mit dem Wort „Stolz“ zu haben. Beinahe gänzlich ist es aus dem politischen Sprachgebrauch verschwunden. Wer sich nicht ins Abseits befördern will, vermeidet es besser. Zu sehr hat Hitler diesen Begriff für sich geprägt und ausgeschlachtet.

„Wir leben unseren Patriotismus ohne Schmuck.“ (Markus)

Denn „Schmuck“ wie Fahnen, Hymnen und Aufmärsche darf nach 1945 nicht mehr sein. Das bedeutet aber nicht, dass die Deutschen in einer Nation ohne Identität lebten. Auch in Polen fällt die Klärung des Begriffs „nationale Identität“ keineswegs leicht. Nach zehn Jahren Demokratie werden auch die Polen oft von ihrer kommunistischen Vergangenheit eingeholt.

„Wir Schlesier empfinden keinen besonderen Stolz auf Polen. Wir sind aber stolz Schlesier zu sein.“ (Sabina)

Die schlesische Bevölkerungsgruppe findet ihre Identität hauptsächlich in der eigenen Region. Regionaler Patriotismus wiegt stärker als nationales Bewusstsein.

In einem zusammenwachsenden Europa wird es vielleicht gelingen, nicht mehr nach der nationalen Identität zu suchen, sondern global zu denken. Das muss keinen Verlust der eigenen, regionalen Kultur bedeuten. Grenzenloses Denken braucht Zeit und geschieht nicht von heute auf morgen.

Birthe Rosenau und Theresa Demski


Oswiecim ist nicht gleich Auschwitz



Birken säumen die Straßen durch Polens Süden. Kaum lässt man die pulsierende Großstadt Krakau hinter sich, folgt eine Landschaft, die eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Zwischen den Flüssen Sola und Weichsel und den Gebirgszügen Sudeten und Karpaten liegt die Kleinstadt Oswiecim. Vielen ist sie besser bekannt unter dem Namen, den sie 1939 nach der Zerschlagung Polens durch die Deutsche Wehrmacht erhielt: Auschwitz. Hier befahl Heinrich Himmler 1940 die Errichtung des Stammlagers Auschwitz I - die Idylle trügt also.

Heute, fast 60 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee, strömen täglich viele tausend Besucher zu einem Ort, der Synonym für den schrecklichen Massenmord an über einer Million Menschen wurde: Juden, Sintis, Romas, Homosexuelle und anderer „ethischen Minderheiten“ sowie politische Gefangenen. Obwohl die Nationalsozialisten kurz vor der Befreiung am 27. Januar 1945 versuchten, alle Spuren ihrer grausamen Taten zu verwischen, deutet auch heute noch vieles auf die Geschehnisse im größten Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes hin.

Für die meisten Besucher beginnt die Spurensuche am Eingangstor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“. Durch dieses Tor gingen von 1940 bis 1945 täglich die meist von übermäßig harter Arbeit und Unterernährung ausgemerzten KZ-Insassen. Wer auf den breiten Alleen durch das Lager wandert, vorbei an großen, roten Backsteinhäusern, muss sich zunächst ins Gedächtnis rufen, wie viele Menschen hier auch gleichzeitig ihren letzten Gang fanden. Viel zu ruhig und unschuldig wirkt das Lager. Schließlich sollte die Vernichtung heimlich geschehen, keiner sollte merken, was am Rande der schlesischen Kleinstadt passierte. Nur der Stacheldraht, vor dem noch heute Schilder mit einem Totenkopf und der Aufschrift „Stop! Hochspannung“ warnen, zeigt deutlich, dass es hier für die Gefangenen keinen Weg in die Freiheit gab. Das Innere der Baracken wird heute zum größten Teil als Museum genutzt, Dokumente erinnern an die vielen Gefangenen, die hier ihr Leben ließen. Eine Baracke wurde in den Orginalzustand zurückversetzt und ermöglicht noch einen kleinen Einblick in die Enge, den Gestank und das Leid - die Zustände, die im Lager herrschten. Wenn sich heute die Besuchergruppen durch die dunklen Räume drängen, fällt es schwer zu glauben, dass hier noch viel mehr Menschen zusammengepfercht leben mussten.

An sonnigen Tagen wirken auch die Innenhöfe fast versönlich. Über das karge Grau ist längst saftiges, grünes Gras gewachsen. Die Appelle, bei denen die Gefangenen oft bis zum Zusammenbruch vor Schwäche stehen mussten, scheinen hier absolut deplatziert. Doch ein Innenhof unterscheidet sich von den anderen. Hier ist kein Gras zu sehen, keine Idylle, sondern nur karger Stein. Am Ende dieses Hofes liegt ein Blumenmeer. Kerzen flackern und erinnern Tag und Nacht an die vielen Menschen, deren letzter Gang hierher führte - zur Todeswand, an der die SS sie durch Genickschuss hinrichtete. Hier ist heute ein Ort der Trauer und des Gedenkens. Doch Auschwitz war nicht nur Konzentrations-, sondern auch Vernichtungslager. Die Gaskammer und das Krematorium sind noch fast vollständig erhalten. Die Öfen zeugen stumm von den zurückliegenden Verbrechen.

All das lastet natürlich schwer auf einem kleinen Örtchen wie Oswiecim. Dennoch lässt es sich heute keineswegs mehr auf das Konzentrations- und Vernichtungslager beschränken. Viel zu viel hat sich seit 1945 getan. Etwa 50.000 Menschen leben im Ort, der sich mittlerweile zu einer Heimat verschiedenster Industrien gemausert hat. Etwa 3000 mittelständische Firmen gibt es, fast alle Branchen sind vertreten. Aber Oswiecim ist auch zu einem der wichtigsten touristischen Ziele des Landes geworden. Allerdings beachtet kaum ein Besucher das Schloss oder andere Monumente, die in der Stadt zu finden sind. In Oswiecim gibt es zahlreiche kulturelle und sportliche Einrichtungen, die für eine Stadt dieser Größe nicht selbstverständlich sind. So hat das Hallenbad fast olympische Ausmaße und in der Eissporthalle trainiert der mehrfache Meister im Eishockey.

Aber auch in Hinblick auf interkulturelles Verständnis leistet Oswiecim heute wichtige Arbeit. Neben der Gedenkstätte KZ Auschwitz gewinnt die Internationale Jugendbegegnungsstätte der Aktion Sühnezeichen seit 1986 immer mehr an Bedeutung. Hier treffen Gruppen aus aller Herren Länder zusammen und versuchen miteinander das zu verdauen, womit sie in Oswiecim ständig konfrontiert werden. Nicht zuletzt ist Oswiecim eine Kleinstadt mit Geschäften, Cafés, Bars und einer Diskothek, die sich nicht wesentlich von anderen Städten dieser Größe unterscheidet. Die Autoren Robert Jan von Pelt und Deborah Dwork schreiben in ihrem Buch „Auschwitz - Von 1270 bis heute“: „Auschwitz war einmal eine ganz normale Stadt. Normale Leute lebten dort, besuchten das Schloss, die Kirchen, den großen Marktplatz aus dem Mittelalter, die Synagoge.“ Oswiecim war eine ganz normale Stadt -heute bemüht sie sich darum, wieder eine zu sein. Denn Oswiecim ist nicht gleich Auschwitz.

Birthe Rosenau


In Krakau sprachen wir mit dem Journalisten Marek Zajac. Er beobachtet für die Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny" seit einigen Jahren, wie Polen seinen EU-Beitritt vorbereitet. Außerdem beschäftigt er sich mit den Problemen, die mit der EU-Osterweiterung auf sein Land zukommen werden. Die Diskussion mit ihm bildet die Grundlage zu dem folgenden Kommentar.

EU-Beitritt: Polen braucht mehr Zeit



Polen - ein Land, zu konservativ für die Liberalen und zu liberal für die Konservativen? Tatsächlich lässt sich der EU-Anwärter Polen politisch nicht so leicht in eine Ecke stellen. Nach der Wende unternimmt das Land erste Gehversuche in Sachen Demokratie - teilweise sehr erfolgreich. Denn Polen ist ein Land, das im Wachstum begriffen ist und auch heute schon im europäischen Kontext mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Alles, was heute in Brüssel beschlossen wird, hat vielleicht morgen schon Einfluss auf Polen. Nur mitbestimmen, das darf es bisher nicht. Ohne Frage eine heikle Situation, die nicht zu einem Dauerzustand werden sollte.

Nun ist Polen ja auch Kandidat der ersten Runde. Zwar sind die Konvergenzkriterien noch lang nicht erfüllt, aber die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. 2004 wird als mögliches Beitritts-Jahr angepeilt. Zu schaffen ist das jedoch kaum. Blicken wir kurz zurück. Nach 1989 bestand im Grunde gar kein Zweifel, dass Polen schon in Kürze ein EU-Mitgliedsstaat wird. Zwar wusste keiner, wie es gehen sollte, aber dass es geschehen würde, stand außer Frage. Es war einfach ein natürlicher Prozess, etwas, das ganz automatisch irgendwann passieren würde. Niemand dachte damals daran, wie schwer die Integration in die Europäische Union werden könnte. Und irgendwie gab es auch keine Alternative. Polen wird EU-Mitgliedsstaat.

Nach den Parlamentswahlen von 1997 setzte langsam der Denkprozess ein. Die Frage nach dem Datum tauchte auf, die Frage nach dem "wie" erhielt eine immer größere Bedeutung. Doch immer noch war der polnischen Bevölkerung klar: Es gibt keine Alternative. Polen wird EU-Mitgliedsstaat.

Seit Anfang des vergangenen Jahres hat sich die polnische Einstellung zum EU-Beitritt etwas geändert. Zwar ist (noch) die Mehrheit dafür, doch die Frage nach dem Zeitpunkt des Beitritts wird mehr und mehr zu einer ängstlichen Frage, zur Ungewissheit. 2004 ist da ein wichtiges Datum. Sollte Polen dann nicht EU-Mitglied werden, wird ein Großteil der polnischen Bevölkerung anfangen zu zweifeln. Zu zweifeln, ob es überhaupt richtig ist, sich noch ein Stück mehr dem Westen anzunähern und dabei vielleicht ein Stück seiner eigenen Identität zu verlieren. Viel zu wenige Menschen haben sich bisher Gedanken über das "wie" des Beitritts gemacht. Sie dachten, er sei ohne Probleme möglich, würde nur Chancen und Verbesserung bringen, keinesfalls aber Schwierigkeiten.

Doch die Angst und die Skepsis in der Bevölkerung wächst. Schon heute haben die Parteien "Selbstverteidigung" (eine Bauernpartei) und die "Liga der polnischen Familien" (konservativ-nationalistisch) zusammen 15 Prozent im polnischen Parlament. Beide sind gegen einen EU-Beitritt Polens. Ihr Erfolg basiert auf der Unzufriedenheit und den Ängsten der Menschen. Denn es läuft längst nicht alles glatt in Polen. Es gibt viel zu wenige Experten, die das Land selbst, aber auch seine Bevölkerung auf die künftige Rolle in der Europäischen Gemeinschaft vorbereiten.

Probleme müssen angepackt werden. Da wäre zum Beispiel die Landwirtschaft. Eine Verbesserung der Situation erfordert zunächst einmal Reformen. Das Problem ist jedoch, dass etwa 40 Prozent der Bevölkerung gegen Reformen ist, ergo Wiederspruchsparteien wählt. Angst vor Reformen, Angst vor etwas Neuem und letztlich auch die Skepsis gegenüber der vielgepriesenen europäischen Sicherheit lassen die Zahl der EU-Gegner anwachsen.

Nicht gerade zuträglich sind da auch die Skeptiker in den derzeitigen europäischen Mitgliedsstaaten. Denn nicht alle Länder empfangen Polen mit offenen Armen und erkennen seine Bemühungen an. Für viele steht der Beitritt Polens schon jetzt hintenan. Und tatsächlich ist es fragwürdig, ob Polen Kandidat der ersten Runde sein wird. Vielleicht braucht die gerade mal zehn Jahre alte Demokratie einfach etwas mehr Zeit. Auch Zeit, um ihre eigenen Probleme in den Griff zu bekommen. EU-Mitglied sollte ein Land dann werden, wenn es soweit ist - und nicht nur, weil ein bestimmtes Datum erreicht ist. Vielleicht ist 2004 da einfach zu früh angesetzt. Vielleicht werden die Enttäuschungen in der Bevölkerung nur zu groß sein, wenn vorher nicht ausreichend Aufklärung geleistet wird, was für einem "Club" sie eigentlich beitreten. Sollte Polens Eintritt in die Europäische Union 2004 schiefgehen, könnte daraus ein Disaster entstehen - die Enttäuschung auf Seiten Polens und auf Seiten der EU wäre sehr, sehr groß.

Birthe Rosenau